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Wenn Radler die Rollen tauschen

Liegeradler und "Normalos" haben oft eine Leidenschaft gemein: Sie verreisen gerne. Dabei schwört jeder auf seine Sicht- bzw. Sitzweise. Allmählich gewinnt aber das Liegerad auch in der allgemeinen Fahradwelt an Bedeutung. Wir zeigen, was der Rollentausch so mit sich bringen kann.

"Ob das so eine gute Idee war", denkt sich Jörg und rutscht vorsichtig nach hinten, an die Netz-Lehne des Radius "C4". Das ist sehr ungewohnt: Lenker unsichtbar unter dem Hintern, nichts zum Abstützen nach vorne und keinerlei Ahnung, wie die Füße auf die Pedale da am Horizont kommen sollen. Aber eigentlich sitzt man recht bequem in einer fast autofahrermäßigen Position - auch wenn Liegerad-Freaks diesen Vergleich sicher nicht schätzen. Die Arme einfach baumeln lassen und die Hände finden die Schalt- und Bremshebel automatisch. Klasse. Jetzt soll nur noch jemand den Boliden halten, bis auch die Füße auf ihrem Platz sind. "Nichts da!", meint Freundin Dagmar, "Hände locker auf dem Lanker lassen und zügig anfahren, damit es nicht kipplig wird": Also dann. Jörg zieht das Pedal auf seiner Sprungbein-Seite auf die günstigste Position, d.h. etwas vor den oberen Totpunkt. Er gibt sich einen Ruck. Und: "Es funktioniert"; ruft er ihr zu und wackelt davon. [...] Verkrampfen gilt nicht; wird´s dem Ungeübten mal eng im Stadtverkehr, muss er trotzdem Ruhe bewahren. Beim Langlieger ist die sichere Wirkung einer V-Bremse am Vorderrad wegen der günstigen Geometrie nicht zu verachten. Gemütlich im Sitzen ohne überstreckte Beine auf "Grün" warten zu können, ist natürlich auch nicht schlecht. [...]

Auf dem Lieger herrscht Kompfort

Die abgesenkten Radweg-Bordsteine reichen schon., um Jörg klarzumachen, dass das C4 einer anderen Kompfort-Klasse angehört als sein Normalrad. Die Geometrie meint es gut mit ihm und lässt auch ohne vordere Federgabel wenig Erschütterung zu ihm durch. Und das einstellbare hydraulische Federbein hinten gibt keinerlei Schläge mehr an seinen Hintern und Rücken weiter. [...]

Aber schließlich wollen die beiden nicht in der City versauern und machen Tempo, denn das erste grüne Wäldchen lockt am Horizont. Beide Kandidaten sind auf freier Strecke zufrieden mit den Fahreigenschaften ihrer Boliden. Das "C4" läuft jetzt seelenruhig dahin. Der lange Radstand kommt ihm auf der Reise sehr zugute. Die indirekte Lenkung - der Impuls wird über ein Gestänge zum Vorderrad übertragen - macht sich praktisch nicht bemerkbar. [...] Jörg steigt erst noch einige Male ab, um Neigung und Spannung der Netzlehne an seinem Sitz genau einzustellen und dabei, meint Dagmar, "tut dir nicht wie mir der Hintern nach 20 Kilometern weh." [...] Die lang gezogenen Kurven der Abfahrt machen ihm Spaß, als er sich noch mehr an das andersartige Kurvenverhalten gewöhnt hat, und jetzt hat er den Eindruck, dass das "C4" lockerer durch die Kurven fliegt als sein Normalrad. Anschliessend geht es über gut ausgebaute, ebene Radwege flugs Richtung Etappenziel: Jörg tritt locker in die Pedale, und Dagmar hat zwar nicht wirklich Probleme, ihm zu folgen, muss sich aber sichtlich mehr anstrengen als er.

"Warte bis morgen..." sagt sie nur geheimnisvoll. Langsam trudeln die beiden dann in die Stadt hinein. Dagmar schimpft ein bisschen darüber, dass ihre Handgelenke schmerzen; aber schließlich hat sie einen Reiselenker mit vielen Griffpositionen und muss sich nur angewöhnen, ab und zu eine andere Handstellung einzunehmen. [...] Am nächsten Morgen fällt Jörg Dagmars Spruch wieder ein: Am Hintern und entlang seiner Schienbeine scheint jemand Gummibänder befestigt zu haben und nun bei jeder seiner Bewegungen daran zu ziehen. Jörg kann es nicht fassen. 8000 Fahrradkilometer im Jahr und nach einem Tag Liegerad Muskelkater! Dagmar tröstet ihn: "Beim Lieger braucht man bestimmte Muskeln, die der Normalo kaum beansprucht; die musst selbst du erst trainieren." "Ungerecht", murmelt Jörg ihr zu. Und lümmelt sich in seinem Schalensitz, lediglich davon getröstet, dass sie wohl den ganzen Tag auf ihrem Brooks hin und her rutschen wird.

Autor: Jörg Schwarz
© 5/2000 RADL-Magazin
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